Ach Fußball…

Prolog:

Keine Ahnung. Ich weiß nicht, wie es der BVB geschafft vom Lieblingsverein aller Fußballmedien zum Hassobjekt zu werden. Den PR Strategen vom Rheinlanddamm fällt wahrscheinlich dreimal am Tag die mehrfarbige Kontaktlinse in den Club Maté, wenn sie drüber nachdenken, wie sich der Club in der öffentlichen Wahrnehmung verändert hat: 

Aus  „the worlds‘ hottest club“, einem sympathischen  Underdog, der – von seiner fanatischen Anhängerschaft frenetisch nach vorne gepusht – den großen, langweiligen und satten Platzhirschen des Weltfußballs Paroli bieten konnte, wurde  der abgehobene („Spagat zwischen Borsigplatz und Shanghai“ – witziges Detail die Bildunterschrift: „Bei den Eintrittskarten setzen wir auf Null-Wachstum“: Der BVB baut auf seine treuen Fans auf den Stehplätzen), schlechte Verlierer, der das erwirtschaftete Geld sinnlos verbrennt und 100 Millionen Euro in einen Mittelklassekader investiert hat. Dazu wird die einst für ihre bedingungslose Unterstützung und ihre Empathie (Mainz Spiel) gefeierte und sogar von der Fifa(!) ausgezeichnete Anhängerschaft mittlerweile von Nazihoolschlägern unterwandert und verprügelt sogar kleine Kinder.

Theoretisch könnte uns das alles egal sein, für einen Fußballfan gehört eine ordentliche Portion Abneigung zum guten Ton und nichts schweißt mehr zusammen, als gemeinsam auswärts in fremden Städten ordentlich bepöbelt zu werden. Nicht umsonst habe ich vermutlich öfter das bekannte und mich nicht im Ansatz traumatisierende „BVB Hurensöhne“ Lied gehört als Radio Essen Tim Bendzko spielt (und die spielen eigentlich nichts anderes).

Dieses Mal ist es aber anders. Nach der normalen Welt ist nun also auch die Fußballwelt endgültig aus den Fugen geraten. Und das kann man zumindest nicht unkommentiert stehen lassen.

Mittlerweile hat ungefähr jeder Mensch mit Internetzugang seine Ablehnung gegenüber den Vorfällen vor dem Heimspiel gegen Red Bull kundgetan, natürlich nicht ohne die Metapher „neue Dimension“ in einer neuen Dimension zu verwenden. Für uns allerdings war alles wie immer: Nach der ersten Halbzeit des Bayernspiels liefen wir von der Sonne zur roten Erde und trafen am Reitstall auf den „Leipziger Sonderzugmob“ oder, was wahrscheinlich besser passt, die auswärtsgefahrene Fanmeile. Vorneweg circa 30 richtig üble Ronnys, die sich einmal das komplette „harter-Junge-geht-zum-Fußball-Starterpack“ bestehend aus Fischerhut, Sonnebrillen, Gürteltaschen, Hackfresse und New Balance gegönnt hatte, dahinter dann die Klischee Anjas, Tanjas, Hartmuts und Ingos, die sich ein paar Selfies vor der eindrucksvollen Kulisse eines echten Fußballstadions nicht entgehen lassen wollten. Da kann man ja dann bei der nächsten Legida Demo sich ordentlich für abfeiern. Also nicht gerade das Publikum, das sich sonst im Norden Westfalenstadions einfindet, vielleicht gut zu vergleichen mit dem Super Hoffe Effekt beim Pokalspiel 2008: Touristen, die das bedeutendste Wahrzeichen Westdeutschlands (abgesehen von Begrüßungsgeld, Bananen und Frühsexualisierung) besuchen wollten. Den großen Spießroutenlauf hatten die Jungs und Mädels scheinbar schon hinter sich, schließlich hatte sich Deutschlands beste Polizeibehörde breit aufgestellt und zumindest für mich wirkte die Lage alles andere als unübersichtlich.

Vermutlich sah das einige Minuten vorher anders aus, Videos aus dem Internet und der öffentlich Aufschrei lassen dies zumindest vermuten. Auch die wohltuend sachliche Stellungnahme des Dortmunder Fanprojekts, die überraschenderweise keine mediale Aufmerksamkeit bekommen hat, relativiert die allgemeine Hysterie. Natürlich ist es sexy für die Zeitungen von bürgerkriegsähnlichen Zuständen und der Jagd von Ultras auf unschuldige(!) Kinder zu schreiben. Da fällt es auch nicht ins Gewicht, dass parallel im Stadion von „den Ultras“ schon die Fahnen aufgehängt wurden und wie gewohnt das Büdchen geöffnet war und die Südtribüne mehr oder weniger gut gefüllt war. Oder dass die beste Polizeibehörde aller Zeiten gerade nicht zugegen war, weil sie in der Stadt dringend ein paar Plakate abhängen musste. Wirklich, das hatte oberste Priorität, um die gastfreundliche Stadt Dortmund, wo Demonstranten natürlich gerne auch mal Hitler Plakate aufhängen dürfen, nicht in den Dreck zu ziehen. Außerdem musste ja auch der Bus der Leipziger Mannschaft auf geheimen Wegen zum Stadion eskortiert werden, schließlich hatten sich zahllos Gewalttäter kollektiv dazu verabredet, den Bus mit Eiern und Farbbeuteln zu bewerfen. Glücklicherweise verfügt das Westfalenstadion über circa 132 verschiedene Zufahrtsstraßen, so dass es für Randalierer dank der exzellenten Vorbereitungen im Vorfeld unmöglich war, die richtige Strecke zu blockieren.

Es ist wirklich hanebüchen, welch ein Unsinn in der Nachberichterstattung kursiert. Wer wirklich die Zufahrt zum Stadion blockieren will, der kann auch beide Enden der Strobelallee dichtmachen. Wenn wirklich Hooligans organisiert die Leipziger angegriffen hätten, gäbe es sicherlich mehr als acht Verletzte und wenn statt Leipzig ein echter Fußballverein gekommen wäre, wäre vielleicht gar nichts passiert und auf jeden Fall nicht berichtet worden. Jedes Mal wenn ich in die Presse gucke, sehe ich einen neuen Tiefpunkt. Die peinliche Hofberichterstattung der SZ vom ehemals investigativen Borussia Insider, der einen der prominentesten Dortmunder Fanvertreter auf unterirdischste Art und Weise an den virtuellen Pranger stellte, war nur die Kirsche auf dem Sahnekuchen der medialen Peinlichkeiten. Aber selbst der WDR2 Klartext, der forderte, dass sich die komplette Südtribüne ähnlich einem Kind, das auf eine zu heiße Herdplatte gefasst hatte, beim nächsten Mal komplett anderes verhalten sollte (also vermutlich mit 25.000 Mann einen Bus angreift und 24940 Plakate malt), konnte von der Funke Mediengruppe noch unterboten werden. Hier schreibt der Schwager vom Red Bull Marketing Vorstand als vermeintlich Chefredakteur seine Empörungskommentare noch selber und forderte zunächst einen Aufstand der Anständigen und dann auch, dass der BVB den Malraum der Ultras im Stadion schließen solle. Vermutlich meint er das BVB Lernzentrum, indem die Ultras tatsächlich mal gemalt haben und zwar mit Flüchtlingskindern ein paar Graffitis. Klar ist das einem Ex-Bild Redakteur ein Dorn im Auge und das nicht wegen der Graffitis. Immerhin kann der gute Pit seine Herkunft nicht verleugnen:  Wer sich trotz der eigentlich frustrierenden Gesamtsituation heute noch amüsieren möchte, gucke sich mal das Machwerk der heutigen Sportbild an, in dem die „Fachzeitschrift“ die Südtribüne und ihre Fangruppen erklärt.

Natürlich erfordert das allgemeine Prozedere, dass man im Nachhinein einen klaren Schuldigen benennen und natürlich auch zu Verantwortung ziehen muss. Da reicht es nicht aus, auf eine explosive Mischung rund um das um Stadion zu verweisen oder tatsächlich mal darauf zu vertrauen, dass Fehltritte vom Gesetzgeber geahndet werden. Nein, da muss das ganz große Rad gedreht werden. Und natürlich weiß auch der DFB aus erster Hand, dass die deutsche Justiz die wahren Täter nicht bestraft und so ein Firlefanz wie Unschuldsvermutung, Gerichte und Anwälte ohnehin nur die Strafverfolgungsbehörden unnötig belastet. Also wird der empörten und hysterischen Öffentlichkeit eben die komplette Südtribüne zum Fraß vorgeworfen, die Oma in Block 84, der sich distanzierende A4 Zettel Drucker aus 82, der Ultra aus Block 12 und alle anderen. Kollektivstrafe par excellence also.

Und warum genau? Hatte nicht der gleiche DFB vor Wochenfrist die Pyroaktion in Mainz als „minderschweren Vorfall“ klassifiziert, der keine Rücknahme der Bewährung (und somit eine Sperre der unteren Blöcke der Südtribüne) rechtfertigen sollte. Ein Dilemma, denn nicht mal der allmächtige DFB darf strafrechtliche Vorfälle vor dem Stadion sanktionieren. Aber der DFB wäre nicht der DFB, wenn er nicht schnell bei Freshfields hätte nachfragen können und sich prompt einen Grund für Fehlverhalten im Stadion konstruieren könnte. Natürlich waren von 60 Plakaten ein paar unter der Gürtellinie und somit ein gefundenes Fressen für den Kontrollausschuss. Dazu noch ein paar beleidigende Gesänge in Hoffenheim(!), besagte Pyroaktion und ein Plakat beim Hinspiel(!) in Leipzig, das keiner kennt, und fertig ist Begründung und die Süd gesperrt.

suedtr

Aber selbst seine vermeintliche Paradedisziplin, nämlich unangebrachte und übertrieben Strafen aussprechen, hat der Verband dieses Mal ordentlich verkackt. Durch seine haarsträubenden Begründungen und das Aussperren der Anständigen (die eigentlich mal für einen Aufstand vorgesehen waren) hat er die Chance verpasst, dass die Fans sich untereinander verantwortlich machen. Stattdessen dominieren Frust, Enttäuschung und Wut auf den Verband.

Bleiben noch die Verantwortlichen bei Borussia Dortmund. Kennt ihr die? Diese Herren, die immer betonen, wie bodenständig und tief in der Region verankert der Verein ist? Wie wichtig die Fans und insbesondere die Südtribüne ist? Diese Herren werden doch bis zur letzten Patrone kämpfen, um die Tribüne, die die Spiele für den BVB gewinnen kann, zu verteidigen. Na gut, das ist vielleicht etwas zu martialisch formuliert, aber wenigstens würde man doch gegen den Strafantrag vorgehen und eine Verhandlung anstreben. Ach, auch nicht? Na gut, dafür ist Begründung echt überzeugend, in Kurzform: Jo, wir wissen, dass der Antrag eigentlich falsch und unverhältnismäßig ist, aber wir stimmen trotzdem zu. Egal, ob Euch Fans das stört, für uns ist es einfacher, Euch auszusperren als dem Shitstorm so lange standzuhalten, bis die nächste Sau medial durchs Dorf getrieben werden kann (schlechtes Timing aber auch, dass jetzt eine Woche gar nichts passiert ist, was macht denn the Donald, wenn man ihn mal braucht…).

Im Prinzip ist das Verhalten von Borussia Dortmund die größte Enttäuschung für mich. Ich kann nicht verstehen, wie man ein solches Unrecht freiwillig akzeptieren kann und fühle mich wirklich vom Verein im Stich gelassen. Nicht, dass ich das in irgendeiner Form anders erwartet hätte, aber die Gewissheit hätte ich eigentlich nicht gebraucht, dass meine Freunde und ich dem Verein nicht mehr als eine substanzlose Stellungnahme wert sind, wenn es hart auf hart kommt. Und das alles, um „die Öffentlichkeit“ (also Medien wie die Sportbild, Funke oder diese als Talkrunde getarnte Farce mit Markus Lanz) beruhigen. Das bringt sicher viel.

 Epilog:

Tja, was will man machen? Jetzt hat der Verband in Absprache mit der Polizei auch noch das Spiel der Amateure in Oberhausen abgesagt. Das sagt einfach alles aus: ein Spiel, zu dessen Besuch noch nicht einmal in irgendeiner Form aufgerufen wurde und zu dem die aktive Fanszene nicht fahren will, wird einfach abgesagt. Und das obwohl der gastgebende Verein sicher war, das Spiel locker über die Bühne bringen zu können. Absurder geht es einfach nicht. Der Fußball hat sich abgeschafft, mal sehen, wie sehr ich mich für diesen Zirkus noch aufraffen kann.

Zumindest morgen bleibt mein Platz auf der Südtribüne leer.

 

tl;dr:

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Ein Gedanke zu “Ach Fußball…

  1. schimpansi schreibt:

    Ich habe auch keine Lust mehr. Vor dem Spiel gegen Berlin dachte ich mir nur; dass es keine Schweigeminute für die Verletzten gab, ist alles.

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