Niemals geht man so ganz!

Es gab eine Zeit, da berichtete dieser nicht gänzlich unkeckige Familienblog regelmäßig und beständig über das Zeitgeschehen. Als geschäftige Manager hatte man hierfür genug Zeit und der traditionelle Misu und jeder noch so grottige Amateurkick boten genug Stoff um ein paar kesse Zeilen zu Papier zu bringen. Doch dann kam die Zeit, als für die fleißigen Vierlinge der Ernst des Lebens losbrach: Der schnöde Kapitalismus zerstörte beinahe dieses lyrische Kleinod und ließ den Blog fast das gleiche Schiksal ereilen wie alle anderen Dortmunder Fußballblogs. Folglich kann man die Beiträge der letzten zwei Jahre an einer Hand abzählen. Da kommt es gelegen, dass bei mir aktuell eine produktive Phase zwischen zwei Managerjobs ansteht. Und weil einen die soziale Hängematte vor dem Bergfreien bewahrt, fühlt es sich fast so wie früher an: Attraktiver Amateurfußball, Bier und ein aus dem Vorzimmer der Pathologie enteilter Bichblog, der vom letzten Bochumer Derby aller Zeiten und beiden Halbfinals des besten Niederrheinpokals aller Zeiten berichtet.

Fangen wir also in der Lohrheide an: Da bekanntlich nur sehr erfolgreiche Mannschaften und welche, die aus Frankfurt kommen ihre Zweitvertretungen vom Spielbetrieb abmelden, sah sich auch der VfL aus Bochum genötigt es gleich zu tun und die zweite Mannschaft aus dem Spielbetrieb zu nehmen. Und weil am Gründonnerstag eh der Hund begraben war sahen wir uns wiederum genötigt dem letzten Aufeinandertreffen der beiden Bochumer Vereine beizuwohnen. Selbst der Lehrer konnte sich an seinem sehr harten Ferientag loseisen und kutschierte uns doch sogar per Auto gen Osten. Nicht ohne in der Hallostraße noch kurz zu halten um einen katastrophalen Biertrinkerdilletantismus zu beenden und eine Gaststätte anzustecken. Gespannt warteten wir auf die Aktionen, die da kommen mussten und wurden nicht enttäuscht. Da eine Abmeldung einem Abstieg gleich kommt, zündete Bochum pflichtgemäß zum Anpfiff eine Tonne schwarzen Abstiegsrauch und stürmte dann in Richtung Wattenscheider Kurve. Da keine Freunde und Helfer im Innenraum des Stadions standen waren wohl beide Seiten perplex wie einfach das Aufeinandertreffen schien. Dass es die Wattenscheider im Anschluss ihren Lokalkontrahenten gleichtun wollten versteht sich von selbst. Folgerichtig begrüßte der Stadionsprecher die Anwesenden im Rund der Lohrheide mit „Liebe Fußballfans und Chaoten“ und begann wenig übertrieben-panisch sein Programm. Die Mannschaften standen in Formation auf dem gründen Geläuf und wollten eigentlich anstoßen. Nur der Schiri nicht, der beim ersten Wölkchen schon in die Kabine gerannt war und den Anpfiff um 15 Minuten nach hinten verlegte. Im Prinzip war es das dann auch, denn ungefähr alle im Stadion hatten sich eigentlich nur für die Minuten vor Anpfiff interessiert – nicht für die eigentlichen 90 Minuten selbst. Diese hatten die Aufmerksam auch nicht wirklich verdient, denn es folgte ein richtig mieses Spiel, der von einem recht keckigen Remake eines Wattenscheider Klassikers unterbrochen wurde und schließlich 0:2 für den VfL ausging. Auch Melanie und die Otten waren nicht begeistert, insbesondere weil auch frühzeitig bereits alle Biervorräte des Stadions erschöpft waren. Schließen wir also dieses Kapitel mit der Antwort des Wattenscheider Kapitäns auf die Eingabe eines lokalen Fans am Spielertunnel die Spieler seien keine echten Wattenscheider mehr: „Halt die Fresse und verpiss dich!“

Weiter sollte es im Niederrheinpokal an der Hafenstraße mit dem Kracher RWE gegen FCK gehen. Und da die Krayer tatsächlich beide Ligaspiele bereits gewonnen hatten und die Rot-Weissen sich derzeit bei allem Chaos durch die Liga stümpern konnte dieses Spiel beileibe kein Selbstläufer werden. Eigentlich war die ganze Saison von RWE von diesem Spiel abhängig. RWE schien sogar so sehr die Düse zu gehen, dass sich die äußerst souveräne Vereinsspitze nach den Auflaufsperren von Limbasan und Wingerter erneut gezwungen sah, den Krayern ein Abschlusstraining an der Hafenstraße zu
verwehren. Insgesamt schien die Partie jedoch nicht so viel Resonanz zu bekommen, lag das geschönte Zuschauerinteresse doch nur bei jämmerlichen 6.300. Da der Fußballverband Niederrhein in seiner Weisheit die Begegnung auf meinen letzten Arbeitstag legte, schickte ich mich an diesen auch würdig zu begehen. Als Kenner des Essener Lokalfußballs war es eine Kleinigkeit die richtige Anzahl der Tore zu tippen, die Kray und RWE am Spieltag zusammen schießen würden. Eins. Was gab es also besseres als ein Beschäftigungsverhältnis mit VIP-Karten zwischen Welling, Oberholz und Aubameyang ausklingen zu lassen. Man muss allerdings konstatieren, dass so ein RWE-Spiel von der Haupttribüne noch deutlich beschissener als von der Stehplatztribüne aussieht. So geriet der Kick zwischen all dem Freibier und den vielen Köstlichkeiten fast zur Qual. Meine Meinung zum VIP-Bereich bei Fußballspielen hat sich aber erneut bestätigt: Meins ist es nicht! Zumindest die Fernsehzuschauer konnten sich freuen, da RWEs One-Man-Show Prof. Dr. Dr. Dr. Michael Welling das Spiel im DSF kommentierte und offensichtlich ziemlich zu überzeugen wusste. Glücklicherweise konnte RWE das sehr schwache Spiel durch Tore von Baier und Freiberger (der jetzt wirklich durch die Decke geht) gewinnen und ins Finale einziehen. Weitere Erkenntnis des Tages: William-Fils ist bei weitem nicht so schnell wie Pierre-Emerick, Ciro Immobile wechselt im Sommer zu RWE und solange ein Schiedsrichter nicht Armin heißt kann es vorkommen, dass dieser sogar ein Spruchband bekommt. Man stelle sich vor, die Krayer hätten auch das dritte Aufeinandertreffen in dieser Saison gewonnen…

Da folglich noch ein Finalgegner für den RWE gesucht wurde, mussten wir natürlich auch zum zweiten Halbfinalspiel zwischen RWO und MSV an die Emscher fahren. Und weil der Oberhausener Hbf nur so von schweren Jungs und HoGeSa-Spastis wimmelte wählten wir die konspirative Anreise über den Olga-Park. Leider lag auch noch eine Bude auf dem Weg sodass wir noch kurz einkehren mussten. Da kaltes Stauder leider ausverkauft, Veltins keiner haben wollte und ich meinen ersten Tag der Arbeitslosigkeit begießen wollte, gab es eine Runde kühles und köstliches Landfürst für die Bagage. Der Kiosk-Betreiber erkannte das Muster und die Gleichgültigkeit in unserer Getränkewahl und gab uns mit den Worten „Wat? Wieviele seid ihr? Fünf? Ja, komm, wenn euch eh alles egal ist, dann kriegt ihr noch die dabei!“ noch fünf köstliche Riesenklopfer 43er. Was eignet sich an einem milden Frühsommerabend mehr als ein großer, warmer, öliger Schluck puren 43er um die geschundenen Kehlen zu befeuchten? Köstlich! Da der Anpfiff näher rückte beschlossen wir als pflichtbewusste Jürgen-Kempe-Ultras auch das innere des rappelvollen Niederrheinstadions zu betreten und unsere angestammten Plätze einzunehmen. Einige Duisburger hatten sich ihre Plätze hingegen auf den Dächern der Kiosk- und Toiletten-Container gesucht was dazu führte, dass ein äußerst kompetenter und besonnener Stadionsprecher ständig panisch nach einem „Elmar, Elmar!“ rief. Als daraufhin komischerweise noch mehr Fans die Dächer erklommen tönte es sogar „Hier! Elmar, Elmar! Wie heißt der? Fanbeauftragter! Bitte sofort zur Stadionregie“ durch die Emscher- und Kanalkurve. Da jedoch Ralle Jäger im Stadion zugegen war und sich höchstpersönlich um die Sicherheitsbelange und das Wohl aller Fans gekümmert hatte, konnte ja gar nichts passieren. Folgerichtig wurde der Innenminister auch frenetisch bei seiner Begrüßung gefeiert. Nicht verhindern konnte er allerdings, dass zur 88. Minute das Bier ausverkauft war. Auf dem Rasen konnte RWO gegen einen müden MSV auftrumpfen und überraschend mit einem verdienten 2:0-Sieg ins Finale einziehen. Beflügelt durch das Ergebnis waren
die Duisburger Fans so sehr zufrieden, dass sie die eigene Mannschaft vor Freude mit Pyrotechnik bewarfen. Aber auch wir müssen konstatieren, dass der MSV schon mehr hätte abliefern müssen wenn er sich ein Finale gegen den RWE gewünscht hätte. Und wer wünscht sich das nicht? Da nach dem Spiel der Durchgang leider für Lehrer gesperrt war (allenfalls arbeitslose Lehrer) mussten wir wieder den Wieseltrick wählen und über den Olga-Park fahren. Leider hatte die Bude schon die Rollläden herunter gelassen und wollte uns, obwohl noch Licht brannte, keine Getränke mehr verkaufen. Dafür konnte dann das Dönerbaguette am unterirdischen Oberhausener Hauptbahnhof überzeugen.

Was gibt es geileres als attraktiven Lokalfußball? Das war Werbung für den Fußball! Wir freuen uns auf das Finale!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s