Wo ist Lady Di(e)?

Mittlerweile hat es wohl auch der sympathischste Schnappatmer gemerkt, die Zeit rast förmlich dahin und das Weihnachtsfest steht fast schon unaufhaltsam vor den Toren. Welch erfreulicher Anlass auch mal wieder unsere Leserschaft an den Toren der ruhmreichen Borussia von 1909 teilhaben zu lassen, deren zahlreiche Spiele in den vergangenen (und kommenden) Wochen wohl erstens den tapferen Snör Betram um ein schickes Geschenk bringen werden und zweites uns gekonnt von der ungekünstelten und absolut unkommerziellen Vorweihnachtszeit ablenken konnten.

Im zweiten Teil der von den Medien pathetisch ausgerufenen Woche der Wahrheit sollte es für die drei fußballaffinen Säckel der Hurenbande in die Hauptstadt des vereinten Königreichs gehen. Sicherlich nicht gerade mein Wunschlos, aber wer bin schon ich, um den großartigen Fußballgott zu hinterfragen. Da ich bereits gefühlte tausend Mal in London verweilen durfte, war es bereits im Vorhinein klar, dass ich mich samt Ski Bich, tapferem Rächer der Gerechten und dem üblichen Rest des sagenumwobenen Bichumfelds in einen der vier prallgefüllten TU-Busse einbuchen würde. Wie durch ein Wunder hatte dann auch der führende Ökotropholge der Fanszene dann noch die äußerst brillante Idee einen dieser Geschosse als Raucherbus zu deklarieren, so dass die Fahrt – Achtung Wortspiel – wie im Zuge vergehen sollte. Dazu trug auch die teilweise unterirdische Musikauswahl bei, dank welcher der ein oder andere Enthusiasten aufgrund schmachtender deutscher Schlager auf mal gepflegt eine Träne verdrückte. An dieser Stelle gilt es insbesondere CD 5 zu erwähnen, die nur noch von CD 3 getoppt wurde – zumindest wenn man dem anwesenden Skinhead aus Herne Börnig glauben will.

Nach durchzechter Nacht, ruckeliger Überfahrt und einigen gnädigen Stunden Schlaf im Stau der Londoner Rush Hour erreichten wir den Treffpunkt gegen neun Uhr morgens, wo wir erstmals Zeuge der gelungenen britischen Organisation rund um das Fußballspiel des Jahres werden durften. Am Busparkplatz im Finsbury Park hatten die Behörden ein stattliche Anzahl mobiler Toilettenhäuschen und Scheinwerfer aufgestellt. Außerdem nahmen uns deutschsprachige Bobbies in Empfang, was sicherlich gerade auf der Insel keine Selbstverständlichkeit ist. Diese verhielten sich auch wirklich freundlich, hilfsbereit und locker (Adjektive, die ich im Zusammenhang mit deutschen Polizisten nie verwenden könnte) und erklärten bereitwillig den Weg zum Stadion und in die Stadt. Zum Leidwesen des Dortmunder Kronprinzen wiesen sie aber auf eine strikte „Zero-Tolerance-Policy“ hin, was den Verzehr von Alkohol in der Öffentlichkeit als Fußballfan angeht. Allerdings hatten sie auch eine simple Lösung parat, er solle doch einfach seinen BVB-Schal in die Tasche stecken und würde fortan als lokaler Alkoholiker durchgehen und somit unbehelligt davon kommen.

Nach dieser lustigen Anekdote ging es für uns (selbstverständlich mit Schals in der Jacke) erstmal zur wohl schönsten Kathedrale Londons, wo uns mein Bruder in Empfang nahm und uns in einen richtigen Siffschuppen schleppte, wo wir typisch britisch mit allerhand fettigem Frühstückskram verpflegen konnten. Einfach ein absoluter Geheimtipp für jeden, der die klassischen Vorurteile des deutschen Mallorca-Urlaubers mal live erleben möchte. Besucht den Feinkostmarkt in der Cathedral Street (Tube-Station London Bridge), ignoriert all die leckeren Dinge, die Ihr seht und schlagt Euch bis in die hinterste Ecke durch, genau dort, wo das ranzige Café ist, seid Ihr dann richtig.

Frisch gestärkt ging es dann nach einem „kurzen“ WLAN-Stop in der Wohnung meines Bruders Richtung Pub, wo wir die Zeit bis zum Treffen gekonnt bei Bier, Cider und Ohrensesselpennemätzen verstreichen ließen. Mittlerweile hatte sich auch der Vieraugenjunge erbarmt mal seine schmerzenden Zähne vorbeischauen zu lassen, wobei der König sicher richtig festgestellt hat, dass die angebliche Weisheitszahn-OP nur der Kaschierung der in der Tat dringend notwendigen Gesichtschirurgie dient. Zwischen Pub und Treffpunkt frischten wir noch unsere Vorräte an einer Off-Licence auf und erreichten wider Erwarten pünktlich den Finsbury Park, wo sich bereits riesige Anzahl Borussen versammelt hatte. Leider hatten die englischen Behörden wohl kurzfristig die Öffnung der Stadiontore um eine Stunde nach hinten verschoben, weswegen wir eigentlich auch eine Stunde später als geplant loslaufen wollten, was aber aufgrund der schieren Masse nicht mehr rechtzeitig kommuniziert werden konnte. So setzten sich die BVB Fans also um 17:00 Uhr unter lautstarken Gesängen in Bewegung und vorbei am alten Highbury Stadion erreichte man schlussendlich ohne Zwischenfälle die neue 08/15 Spielstätte der Gunners. Hier kam es dann am Eingang noch zu tumultartigen Szenen, da wohl niemand mit einem solchen Andrang gerechnet hätte. Auch hier reagierten die Polizisten tatsächlich besonnen und sprangen zu guter Letzt sogar dem Ordnungsdienst bei der Kartenkontrolle zu Seite, damit jeder Fan auch pünktlich das Stadion betreten konnte. Müßig zu erwähnen, dass in Deutschland die Situation natürlich eskaliert wäre und nur deswegen die meisten pünktlich drin gewesen wären, weil sich der Rest die Augen vom Pfefferspray hätte auswaschen müssen. Lieber Herr Wendt, Sie sind doch stets lösungsorientiert, warum schicken Sie Ihre Einsatzleiter nicht mal zu einem dreiwöchigen Auslandspraktikum nach GB? Wahrscheinlich ist die einfachste Antwort, dass das Erlernen der englische Sprache bereits ein gewisses Mindestmaß an Intelligenz erfordert…

Die anfängliche Stimmung des gut aufgelegten schwarz-gelben Mobs war wirklich beeindruckend, endlich konnte man mal selber wieder ein Zeichen setzen und auch Unbeteiligten zeigen, zu welch einem Totentanz einst beeindruckende Atmosphäre im Mutterland des Fußballs verkommen ist. Es ist einfach nur noch traurig, wie emotionslos dort das Spiel konsumiert wird. Keine Fahne, keine Gesänge, nichts… So waren wir zwar auf dem Platz unterlegen, auf den Rängen aber haben nicht nur die Dortmunder Fans, sondern die Fankultur insgesamt einen beeindrucken Sieg davon getragen. Man erinnere sich nur, an die Lobeshymnen in den britischen Tageszeitungen am nächsten Tag. Schade, dass der BVB nicht auch sportlich mithalten konnte, sonst wäre „the library“ wahrscheinlich explodiert…

Nach dem Spiel ging es dann erneut komplikationslos zurück zu den Bussen, wo sich die meisten erschöpft dem Pennematz hingaben. Andere hingegen amüsierten sich noch mit der hundertsten Zigarette und dem tausendsten Lady Di Witz. Von solchen Fahrten könnte ich jede Woche drei machen, das wäre doch mal ein Leben…

Zum Derby wird’s an dieser Stelle wie gewohnt nichts geben, wer nicht da war, hat eben Pech gehabt.

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