Tischlein deck dich, Goldesel und Knüppel aus dem Sack

Nach der ersten Bich-fünf-Artikel-Woche und der darauf folgenden fast-null-Artikel Woche werden wir Euch pünktlich zum Abschluss einer sensationellen Hinrunde noch einmal richtig verwöhnen. Zwei Sevilla Artikel und ein Bericht über 16 Stunden Fahrt für 30 Minuten Fußball erwarten Euch. Anfangen wird der bekannte schlauste Mensch der Welt mit seinem Resümee über unsere Bichtour nach Sevilla:

Tja, was soll man jetzt schreiben? Alle sind wütend, traurig, sprachlos. Über die Hooligans der Guardia Civil, über die Art und Weise des Ausscheidens, über die unfassbaren Zustände denen man sich als Besucher eines Fußballspiels konfrontiert sieht. Doch beginnen wir mit etwas Abstand und der Gewissheit, dass unsere Freunde wieder in der Heimat sind eine Geschichte, die aktuell aber eindeutig von den Geschehnissen rund um das Stadion getrübt wird und irgendwie nicht so recht bichig werden will.

Die Reisegruppe Bich hatte sich für eine Variante via Eindhoven entschieden. Diese erste Etappe konnte bereits mit einiger Spannung aufwarten, brauchten wir doch auf unserer Route über B1, A40, A45, A42, A43, A2, A3, A42, A57 und A40 bis Duisburg alleine 2,5 Stunden, sodass die nahezu antiproportionale Entwicklung von Uhrzeit und Kilometerzähler die eisernen, glockenseilgleichen Nerven aufs ärgste strapaziert waren. Dazu ein Fahrer der nichts besseres auf Lager hatte als kluge Sprüche à la „nächstes Mal ne Stunde eher losfahren!“ und „ich hab‘s euch gleich gesagt: Lasst det Saufen sein, sonst könnta loofen!“. Da der Schnee aber passgenau ab der holländischen Grenze geräumt war kamen wir komode 5 Minuten vor Gateclose am Terminal an. Überfordert von so viel überflüssiger Zeit mussten wir noch die sanitären Einrichtungen entdecken und auch noch schnell warmes Bier kaufen.

Der Flug an sich war abgesehen von den ganzen bekannten und unbekannten Fressen, die offensichtlich alle mit und zur Borussia reisten, recht ereignislos. Allerdings muss man zugeben, dass billiges verbotenes Bier besser schmeckt als teures erlaubtes. Gelandet in Sevilla zerschlug sich für viele direkt der Traum von Kubu und mediterranem Lebensgefühl. Der Nebel lichtete sich jedoch recht schnell sodass einer Siesta auf der Dachterrasse unseres Hotels „Nuevo Suizido“ bei Pils, Baguette und Sonnenschein nichts mehr im Wege stand. Die Speisen und Getränke hatten wir natürlich bei den Eltern seiner Lordschaft bei Corte Inglés eingekauft.

Auf der Einkaufsliste standen übrigens auch zwei Sätze Würfelbecher, die zusammen mit den heiligen Grälen der Familie Bich in der spanischen Dependance des Rullich zum Einsatz kamen. Die Bar Ingrid hatte folgerichtig auch deutsche Preise, ekelhaftes Bier und eine ziemlich siffige Atmosphäre. Augenscheinlich war dieser Kackladen aber dennoch Treffpunkt des Abends, sodass auch wir zumindest teilweise dort unseren Abend verbrachten. Die Alternative sich mit den anderen Hotelgästen aus den USA, Irland und Spanien auf der Dachterrasse zu verweilen war auch wenig erbaulich. Somit ging zumindest ich recht früh ins Bett während die Abenteuer-Fraktion noch gesundheitsamtliche Untersuchungen bei Kentucky Fried Chicken durchführte. Deutsche Gründlichkeit ist aber in Andalusien eher unerwünscht und führt zu KFC-Verbot. Was eine Zuwiderhandlung dessen nach sich zieht konnten wir bereits am Nachmittag in der selben Filiale sehen als ein Rollstuhlfahrer aus dem Restaurant getrümmert wurde.

Der nächste Morgen begann mit einem ausgiebigen Frühstück und einem Ründchen Kultur. So durfte ich als Geograph ganz unverhofft am Grab von Christopher Kolumbus innehalten und die Aura inmitten der größten gotische Kirche der Welt aufnehmen und danach noch die Pfauen durch die maurischen Gärten des mittelalterlichen Königspalastes von Alcatraz jagen. Schön wars. Und ich finde es auch schade und unverständlich, dass sich manche Fans trotz der Tatsache, dass alle unsere Gegner während dieser tollen Europacup-Saison UNESCO-Welterben beherbergen, sich ausschließlich für die Tasse interessieren. Gegen Mittag trafen wir dann mit dem Rest der Gruppe zusammen und genossen das erste und letzte Mal in unserem Leben Tapas. Lecker wars, aber Tapas stehen jetzt genau wie Pizza auf der roten kulinarischen Liste. Auf der roten akustischen Liste dürfte nach diesem Tag auch Kagawa Shinji stehen, da die Kutten der Tapas-Meile in Sevilla ungefähr jeden asiatisch dreinblickenden Passanten mit der Verlässlichkeit eines schweizer Uhrwerks hochleben ließen.

Da am Abend der Grund unserer Reise im Estadio Ramón Sánchez Pizjuán steigen sollte begaben wir uns nach dem köstlichen Mal in Richtung des Treffpunkts in der Nähe des Stadions. Bis auf einen einzelnen unfassbaren Zwischenfall war die Stimmung gelöst und keinesfalls angespannt. Dies sollte sich aber direkt ändern als es mit Polizeibegleitung in Richtung Stadion ging. Immer wieder kam es zu Provokationen durch die Guardia Civil was uns unterbewusst wohl dazu bewog sich aus den ersten Reihen zurückfallen zu lassen. Am Stadion selbst eskalierte es dann vollends und mir fehlen nach wie vor die Worte all das ad äquat zu beschreiben. Einen Anfang und bisher der einzige halbwegs den Geschehnissen gerecht werdende Artikel dazu entstammt der Feder der WAZ. Ich hoffe es werden weitere Berichte folgen und dieses barbarische Handeln der spanischen Polizei findet seinen entsprechenden Widerhall in Öffentlichkeit, Presse und Gremien. Und das alles bei einem unfassbaren Ticketpreis von 40€!

Geplättet ob der Ereignisse am und im Stadion betraten wir natürlich dennoch das Stadion. Das Spiel war jedoch eher eine weitere Ohrfeige und konnte die Stimmung nur in den Anfangsminuten erhellen. Schade, dass man auf so eine asoziale und unfaire Art und Weise so bitter Lehrgeld zahlen muss. Die sportliche Aufarbeitung haben wie immer die hauptberuflichen Schreiber übernommen. Der Leser würde sich eh nur aufregen würde hier nochmal haarklein jede Unsportlichkeit zitiert werden. Erschütternd jedoch, dass wir mit nur einer Niederlage ausgeschieden sind, genau wie schon im DFB-Pokal. Verrückt. In der Bundesliga wird uns dieses Schicksal aber wohl nicht mehr blühen. Nach Schlusspfiff und obligatorischem Nachsitzen wurden wir unterstützt von den uniformierten Hooligans in alle Winde vertrieben sodass wir erst weit nach Schlusspfiff von den in unseren Rücken begangenen Gräueltaten erfuhren.

Die oben bereits erwähnten Kutten durften hingegen wieder einmal beweise, dass ihre emotionale Halbwertszeit doch nur 3 Minuten beträgt. Direkt nach den katastrophalen Zuständen beim Einlass bereits wieder euphorisch singend, während des Spiels aber die Zähne nicht aus einander kriegend und nur dümmliche Kommentare abgebend, forderten sie Minuten nach der bitteren Niederlage im leeren Stadion bereits wieder die die Ballspielverein-Humba, die dann natürlich wieder ausgiebigst gefeiert wurde. Es gibt ein radioaktives Isotop von Silicium mit einer ähnlich kurzen Halbwertszeit und manchmal traue ich diesen Leuten tatsächlich auch nur die Intelligenz einer Schippe Sand zu (Der Geomorphologe wird hoffentlich an dieser Stelle schmunzeln, dem Rest sei gesagt, dass Quarz, also Siliciumdioxid, den Hauptbestandteil von Sand darstellt.).

Da unser Flieger erst am nächsten frühen Morgen uns wieder gen Heimat bringen sollte mussten wir in diesem demoralisierten Zustand noch irgendwie uns die Nacht um die Ohren schlagen. Eigentlich eine unserer Paradedisziplinen, jedoch war der Trubel des Vorabends aus Sevillas Innenstadt verschwunden und fast alle Lokalitäten geschlossen. Zum Glück, und wahrscheinlich zur Freude unseres Ritters der sexuell Diskriminierten, konnte wir tatsächlich noch eine Schwulenbar auftun, die uns Kaffee mit Brandy, Brandy mit Kaffee, Brandy mit Kakao, dickflüssige Schokolade und natürlich auch noch etwas Cerveza verkaufen wollte. Da der Wirt aber nur der Wirt jedoch nicht der Besitzer war und irgendwann dann auch noch in seinen Transenclub wollte mussten wir dann nach einiger Zeit uns abermals eine Bleibe zum Totschlagen der letzten Stunden suchen.

Zum Glück fanden wir mit einer Jazzbar die wahrscheinlich letzte Kneipe in Sevilla und konnte dort noch auf ein Bier einkehren. Übermüdet und vielleicht auch etwas angetrunken hatte der eine oder andere Brillendoktor dann noch Halluzinationen dass ein gewisser El Biero nackt und laut singend durch die Kneipe getanzt sei. Verrückt was Alkohol und Schlafentzug alles so bewirken. Weil unsere Zeit dann aber schlussendlich gekommen war konnten auch wir irgendwann dann mal zurück zum Hotel, uns unser Gepäck schnappen und in diversen Kackfässern mit 140 und diversen roten Ampeln zum Flughafen fliegen. Der Rückflug war fast genauso ereignislos wie der Hinflug, die Sicherheitseinweisung bzw. eher die Parodie eben jener sollte jedoch fast ein „eins, zwei, drei, vier, fünfmal die Polizei nach Eindhoven“ provozieren. Keckigerweise ließ uns Paul der Busfahrer bereits in Essen21 aussteigen und uns somit etwas früher diese Tour beschließen.

Jetzt stehen wir mit leeren Händen da, sind an Erfahrung und Geschichten reicher und können den Opfern von Sevilla nur gute Besserung und uns allen einen versöhnlichen Jahresabschluss in Frankfurt wünschen.

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