Ein ganz normales Familenwochende

Da das Wochenende des gemeinen Studenten ja bekanntlich am Freitag mittag nach Erstellung des weltberühmten Bich Bilderrätsels beginnt, hatten die beiden Vierlinge Horst Kevin und Ewald noch genügend Zeit, ein intensives Familienwochende zu planen. Schnell war klar, dass der vergangene Freitag mal wieder gänzlich im Zeichen von König Fußball stehen sollte. So wurde nach Durchsicht des aktuellen Kicker Matchkalenders entschieden, das Spiel Oberhausen gegen St. Pauli zu besuchen. War es für Horst-Kevin mal wieder eine willkommene Möglichkeit ein neues Fußballstadion von Innen zu sehen, ergab sich für die drei anderen Bichs die Möglichkeit,  sogenannte „Fans“ in Anführungszeichen zu beobachten, genauer gesagt die legendäre UltrAntifa vom FC Hamburg St.Pauli, dem wohl unkommerziellstem, alternativsten und politsch korrektestem Fußballverein seit Menschengedenken…

Da die zweite Fußballbundesliga Heimat der berufs- und familienfreundlichsten Antoßzeiten ist, trafen wir uns bereits um 16.45 am Essener HBF, von wo aus das Unternehmen Zukunft uns gewohnt souverän in die Heimat des ältesten Menschen der Welt brachte. Leider müssen wir uns an dieser Stelle eingestehen, dass auch vor uns das Alter nicht Halt macht. Denn obwohl wir mit den gutgekleideten, frisch gewaschenen und hübsch frisierten St. Pauli Fans ankamen, konnten wir unbehelligt die sofort gebildete Polizeikette passieren, lediglich unser Carharrt Windbreakerträger Kai-Uwe mußte seinem Freund und Helfer noch versichern, dass er wahrlich kein St. Pauli Fan ist.

Kann man in Ansätzen den Polizeiaufwand zu Fantrennung bei dieser brisanten Spielansetzung noch nachvollziehen – St. Pauli Fans wurden am Hintereingang gesammelt und zum Stadion gebracht, RWO Fans dementsprechend vom Haupteingang – so entzieht es sich doch meiner Kenntnis, warum der Stadionbus erst die RWO Anhänger einlädt und dann am anderen Ende des HBFs erneut hält, um logischerweise mit St. Pauli Fans und „Team Green“ aufgefüllt zu werden… Völlig klar und absolut deeskalierend!

Am Stadion angekommen, versorgten wir uns erstmal mit Stehplatzkarten in der Emscherkurve, günstige sechsmarkfuffzig ermöglichten uns nun einen guten Blick auf den überdachten Gästebereich inklusive linksautonomer Ultras , eine eingeschränkte Sicht auf den RWO „Supporters Block“ und eine einwandfreie Betrachtung des Spielfeldes. Das Spiel entpuppte sich als wahrer Leckerbissen, fünf Tore und ein knapper 3:2 Sieg für den Gastgeber nach halbzeitlicher 3:0 Führung – was braucht man mehr an Unterhaltung an einem verregneten Freitag Abend? Richtig, selbstverständlich Bier. Glücklicherweise verfügt aber auch das provinzielle Oberhausen über diesen ominösen, goldgelben Gerstensaft, so dass bereits nach wenigen Minuten das König der Biere in Strömen floss.  Selbstverständlich trafen wir im Block auch noch meinen Patenonkel nebst Sohn und Nachbar (wie war das noch mit den arbeitnehmerfreundlichen Anstoßzeiten…?), die ebenfalls nichts gegen eine kleine Alkoholorgie einzuwenden hatten, sieht man davon ab, dass mein Cousin mit seinen knapp 10 Jahren lieber Fanta bevorzugte – ich vermute, dass wird sich ähnlich wie der RWO Schal um seinen Hals mit zunehmenden Einfluß seiner Neffen noch ändern…

Nach dem Spiel verabschiedete sich Horst-Kevin vom Rest der Familie, da er doch tatsächlich am nächsten Tag selber ein Tischtennis(!!!)spiel hatte, welches die für diesen „Sport“ obligatorische Vorbereitung benötigte. Das akribische Studieren der Stärken und Schwächen des Gegners zeichnete sich allerdings in doppelter Hinsicht für unser fideles Sport-Ass aus, mehr dazu vielleicht gegebenenfalls an anderer Stelle…

Die drei verbliebenen Bichs, sowie der Patenonkel, dessen Nachbar und beider Familien verzogen sich allerdings blitzschnell in eine gemütliche, kleine Spelunke im Nobelvorort Osterfeld, wo man eigentlich das Bundesligatopspiel zwischen den Traditionsvereinen Hoffenheim und Leverkusen bestaunen wollte, letztlich aber doch vorzog sich einfach mal gepflegt im hinteren Teil des Etablissements einen zu brennen. Selbstverständlich nahmen wir den letzten Nachtexpress gen Kulturhaupstadt, und waren keinesfalls inklusive eines unbekannten Mittsiebzigers noch im Keller meines Patenonkels bevor wir dann dekadent mit einem Taxi nach Paris bis ins Rullich fuhren…

Dementsprechend ausgeschlafen begann ich den Samstag, seines Zeichens der traditionelle urdeutsche Valentinsfeiertag – ein Segen für Pralinenhersteller und Blumengeschäfte in Zeichen der Wirtschaftskrise. Flugs nahm ich mit dem kleinen Snör Bertram ein köstliches Frühstücksmahl, inklusive cholesterinfreien Eiern und fettfreiem Schinken ein, bevor sich nach kurzem, aber verdientem Zweitpennematz die drei nicht durch Tischtennis okkupierten Brüder erneut in einer Spelunke zum samstäglichem Fußballgucken trafen. Zufrieden wurden die Ergebnisse zur Kenntnis genommen und man verabredete sich für den Abend, um einmal mehr das Essener Nachtleben unsicher zu machen.

Infolgedessen trafen sich also die Bichs inklusive Anhang inklusive Kai-Uwes neuer Liebschaft aus der Nähe des verzauberten Waldes exklusive Horst Kevins Freundin bei Herwig, von wo aus wir uns kurze Zeit später gen Rüttenscheid aufmachten, wo wir noch das Exklusivrestaurant Landsknecht zwecks einiger Schockrunden aufsuchten, bevor ich um kurz nach halb fünf in der Rock Station die Segel strich und mich mit Snör Bertram gen Heimat aufmachte. Den Mantel des Schweigens hülle ich noch über diesen sogenannten 24 Stunden Dönerladen auf der Rü, der dem tapferen Snör Bertram und mir tatsächlich die Nahrungsaufnahme verweigerte!

Sechseinhalb wunderschön pennematzige Stunden später schellte mich das Telefon aus dem Bett und erinnerte mich daran, dass nun noch tatsächlich der Höhepunkt dieses einzigartigen Wochenendes auf dem Programm stehen sollte, das Heimspiel des ruhmreichen BVBs gegen die Spreewälder Gurkentruppe aus dem Fight Club bei Cottbus. Schnell unterzog ich mich einer astreinen Katzenwäsche und kurze Zeit später stand auch schon mein Lieblingsabenteurer Bier Gerdi mit seinem Sidekick Huub auf der Matte. Nachdem in Rekordzeit diverse Zigaretten geraucht wurden, enterten (schon wieder ultradeutsch) wir den schmucken Fünfsitzer von Ewald und steuerten Dortmunds Fanlokalität Nummer 3 an, wo wie gewohnt die üblichen Verdächtigen bereits fleißig die Würfelbecher schüttelten. Der schwer gebeutelte Horst-Kevin hatte selbstverständlich verschlafen, so dass wir noch auf ihn warten mußten, bevor wir endlich zum Westfalenstadion aufbrechen konnten. Glücklicherweise konnte sich Methusa Ben erneut als erzieherischer Kopf der Gruppe beweisen und sagte Horst Kevin noch ein paar Takte, wobei er auch dessen mitgebrachten Jutebeutel angemessen in Wortwahl und Länge beleidigte.

Der einzige Höhepunkt dieses Spiel ereignete sich außergewöhnlicherweise schon vor dem Anstoß, so hatten die kreativen und fleißigen Mädels und Jungs von The Unity in mühevoller Kleinarbeit eine wunderschöne Choreographie zu Ehren unseres Westfalenstadion gebastelt.  Seitdem das Stadion leider ein ungetümes Wortkonstrukt statt eines Namens tragen muss, wird einmal im Jahr durch die Fans an den traditionellen Namen erinnert, damit bloß niemand wie z.B. in Hamburg denken könnte, dass Stadien traditonell Sponsorennamen tragen müssen. Mein Dank gebührt allen Helfern und insbesondere den Initiatoren dieser eindrucksvollen Blockfahne.

Das Spiel selber ist schnell erzählt, zum achten Mal endete eine Vollgasveranstaltung in heimischen Gefilden Unentschieden, erneut konnte man als Favorit zu Hause die Steilvorlage der Konkurrenz nicht nutzen, so dass wir nun schon wissen, das die Saison eigentlich zu Ende wäre, ja wäre da nicht dieses ominöse Spiel am nächsten Freitag.

Wir sind zu gut um noch unten reinzurutschen und für das internationale Geschäft reichts es trotz unseres Messiahs noch nicht ganz. Entsprechend enttäuscht machten wir uns nachdem Spiel auf den Heimweg, wo ich es immerhin noch schaffte nicht beim Tatort einzuschlafen, obwohl das vielleicht schlauer gewesen wäre, schließlich stehen uns nun einige schlaflose Nächte bevor, bis am Freitag der Saisonhöhepunkt in Gelsenkirchen angepfiffen wird. Bitte, bitte, bitte…

Für immer Westfalenstadion!

Ein Gedanke zu “Ein ganz normales Familenwochende

  1. Der Ebi schreibt:

    À propos Familienwochenende!
    Wenn die Familie Bich noch nicht weiß, was sie nach dem Spiel in Hannover anstellen soll…
    Ich hab diese Veranstaltung entdeckt musste da komischerweise(?) direkt an euch denken: http://www.ue-100.de/
    Ich denke mal, den Kasten Wahrsteiner habt ihr sicher!
    Schöner Gruß aus Bolton!
    Vllt bis später,
    der Ebi

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